6 — (Re)kommunalisierung von Wasser als gemeinschaftliches Management von Ökosystemen

Nachhaltiges Weidemanagement im Distrikt Chimanimani im östlichen Hochland von Simbabwe.
Nachhaltiges Weidemanagement im Distrikt Chimanimani im östlichen Hochland von Simbabwe.
© Weltfriedensdienst e.V.

Von Helge Swars

Drei Viertel der weltweit ärmsten Menschen leben in Regionen, die unter Wasserstress stehen, die meisten von ihnen nicht in Städten, sondern auf dem Land. Sie machen den Großteil der Hungernden aus, obwohl sie zum Beispiel als Kleinbäuerinnen und -bauern und Hirten selbst Nahrungsmittel produzieren. Überall auf der Welt werden Ökosysteme jedoch von privaten Akteuren bis zur Übernutzung ausgebeutet. Deren Fähigkeit, Leistungen wie sauberes Grundwasser oder ausreichend Niederschläge zur Verfügung zu stellen, nimmt dabei ab. Eine wichtige Rolle zur (Wieder)Herstellung der Wasserverfügbarkeit können Projekte zur Förderung der „Kommunalisierung“ von Wasser in ländlichen Räumen spielen, das gemeinschaftliche Management der Ressourcen durch die von ihnen abhängigen Menschen. Ein solches Projekt setzt die Kleinbauernorganisation TSURO in Simbabwe mit Unterstützung des Weltfriedensdienst um.

 

Drei Viertel der weltweit ärmsten Menschen leben in Regionen, die unter Wasserstress stehen. Die meisten von ihnen leben nicht in Städten, sondern auf dem Land. Sie machen den Großteil der Hungernden aus, obwohl sie zum Beispiel als Kleinbäuerinnen und -bauern und Hirten selbst Nahrungsmittel produzieren. Dafür ist unter anderem die Verfügbarkeit von Wasser entscheidend. Das wird in vielen Regionen zusehends knapper, die ohnehin schon saisonal oder ganzjährig mit geringen Niederschlagsmengen auskommen müssen.

In der Arbeit zur Verwirklichung von SDG 6 „Wasser und Sanitärversorgung für alle“ spielen Menschen auf dem Land bislang eine untergeordnete Rolle. Angefangen bei den Vereinten Nationen (UN), über das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bis zum WASH-Netzwerk 1 – im Fokus stehen die zweifelsfrei wichtige Trinkwasserversorgung und Hygiene, oft mit technologischen Lösungsansätzen und meist für die Bevölkerung in Städten. Nicht anders sieht es in der Regel aus, wenn es um die Verteidigung des Menschenrechts auf Wasser geht oder um Kämpfe für eine (Re)kommunalisierung von Wasserversorgung. Aus dem Blick geraten dabei zu häufig Milliarden kleinbäuerliche Existenzen. Notwendige Produktions- und damit Lebensbedingungen für sie sind einerseits der freie Zugang zu lokalen Wasserressourcen, andererseits stabile Ökosysteme mit intakten Wasserkreisläufen.

Überall auf der Welt werden Ökosysteme jedoch von privaten Akteuren bis zur Übernutzung ausgebeutet. Ihre Fähigkeit, Leistungen wie sauberes Grundwasser oder ausreichend Niederschläge zur Verfügung zu stellen, nimmt dabei ab. Während die Gewinne aus der Übernutzung kurzfristig Einzelnen zu Gute kommen, tragen die Kosten der Nutzung lokale Gemeinschaften. Dahinter stehen häufig große industrielle Agrarprojekte, Bergbau und Forstwirtschaft, die weltweit mit Abstand größten Wasserverbraucher. Vielerorts ist jedoch auch eine unangepasste Landnutzung durch die lokale Bevölkerung selbst verantwortlich für die Verknappung von Wasserressourcen und Zerstörung von Ökosystemen, die für lokales Klima und Wasserhaushalt eine wichtige Rolle spielen. Das geschieht oft vor dem Hintergrund eines Bevölkerungswachstums, oft aus schierer Not.

Ist heute einer von sechs Menschen von Wasserknappheit betroffen, gehen die UN nach neuesten Schätzungen davon aus, dass zur Jahrhundertmitte jeder zweite Mensch bedroht sein wird. Unverhältnismäßig stark treffen wird der Wassermangel demnach wirtschaftlich benachteiligte und marginalisierte Menschen. Es sei denn, es gelingt, den Druck auf die globalen Wasserressourcen zu verringern und die Degradation der natürlichen Umwelt aufzuhalten. Eine wichtige Rolle können dabei Projekte zur Förderung der Kommunalisierung von Wasser in ländlichen Räumen im Sinne von Zielvorgabe 6.6 „Schutz und Wiederherstellung von Wasserbezogenen Ökosystemen“ spielen. Mit Kommunalisierung ist hier nicht in erster Linie die Definition von Rechtstiteln gemeint, sondern das gemeinschaftliche Management der Ressourcen durch die von ihnen abhängigen Menschen. Ein solches Projekt setzt die Kleinbauernorganisation TSURO (Towards Sustainable Use of Resources Organisation) in Simbabwe mit Unterstützung des Weltfriedensdienst um.

 

Wasserbezogene Ökosysteme unter Druck

Im ländlichen Distrikt Chimanimani, im östlichen Hochland von Simbabwe gelten drei Viertel der 140.000 Einwohner*innen als arm. Etwa 30 Prozent haben insbesondere in den Monaten vor der Ernte nicht genug Nahrung zur Verfügung. Sie betreiben als kleinbäuerliche Familien zumeist Subsistenzwirtschaft auf etwa der Hälfte der Fläche des 355.000 Hektar großen Distriktes. Dabei handelt es sich überwiegend um die trockeneren Gebiete mit weniger fruchtbaren Böden – ein Erbe aus der Kolonialzeit. Auf der anderen Hälfte des Landes wird überwiegend kommerzielle Land- und Forstwirtschaft betrieben. Hinzu kommen Nationalparks. Auch 37 Jahre nach der Unabhängigkeit hat sich an dieser Landverteilung wenig geändert.

Der Klimawandel trifft die Region hart. Seit der Jahrtausendwende haben sich die Niederschläge in der Region deutlich verringert und saisonale Regenmuster verschoben. In den vergangenen zehn Jahren haben die Menschen hier mehr Dürren erlebt als die Generationen vor ihnen in einem ganzen Leben. Die trockenen westlichen Gebiete von Chimanimani sind besonders betroffen. Die Ernte fiel dort in den letzten Jahren wiederholt fast vollständig aus, in manchen Gebieten kam es zu verbreitetem Rindersterben. Wie in allen Trockengebieten der Welt hat die Tierhaltung auch hier eine große Bedeutung. Viele Menschen sind daher in die höher gelegenen, regenreicheren Gebiete des Distrikts migriert.

Dort hat ein starkes Bevölkerungswachstum bereits im 20. Jahrhundert den Druck auf die begrenzt verfügbaren Flächen erhöht. Um an Feuerholz, Acker- und Weideland zu gelangen, wurde Wald gerodet und weitflächig Gras- und Buschlandschaft abgebrannt. Dabei wurden auch ökologisch sensible Wassereinzugsbiete, Flussbette und -ufer besiedelt und landwirtschaftlich bearbeitet. Zuvor hatten traditionelle Rechtssysteme diese Gebiete Jahrhundertelang effektiv schützen können – Ausdruck spirituell interpretierter Verbindung der Menschen zu ihrem Land. Rinder laufen traditionell frei herum und werden nicht oder nur von Kindern beaufsichtigt. Da die Tiere die Nähe zum Wasser suchen, sind die Gebiete um die wenigen Flüsse, Wasserquellen und in Dorfnähe stark überweidet. Nachbarschaftskonflikte sind vorprogrammiert, wenn die unbeaufsichtigten und hungrigen Tiere in Felder einbrechen.

Der Verlust der Vegetation und damit der Schutzschicht des Bodens durch Überweidung oder Rodung setzt eine negative Wirkungskette in Gang: Auf dem nicht durch Pflanzen geschützten, von der Sonne steinhart ausgetrockneten Boden versickert Regenwasser nicht, sondern fließt selbst auf leichtem Gefälle ab. Dabei spült es den Oberboden fort und hinterlässt tiefe Erosionsrinnen, die beim nächsten Regen den Bodenabtrag weiter beschleunigen. Der Grundwasserspiegel sinkt, Wasserquellen versiegen. Selbst in den regenreichen Berggebieten haben die kleinbäuerlichen Familien auf diese Weise mit Wassermangel zu kämpfen. Der Nyanyadzi, größter Fluß im Distrikt, veranschaulicht die Dimension. Von 1991 bis 2015 hat sich die von ihm geführte Wassermenge auf ein (in Zahlen: 1) Prozent verringert.

 

Ressourcenschutz als Gemeinschaftsaufgabe

Ein wichtiges Anliegen des Projektes ist daher der gemeinschaftlich organisierte Schutz der natürlichen Ressourcen Boden, Wasser, Wald und Grasland. Besonders wichtig für den Wasserhaushalt sind die Wassereinzugsgebiete von Quellen und Flüssen. Die Gemeinden werden daher unterstützt, diese Gebiete zu identifizieren, zu kartieren und gemeinsam wieder herzustellen und langfristig zu schützen. Sogenannte Klimawandel-Aktionsgruppen wurden auf Dorfebene gegründet. Jede Gruppe besteht aus bis zu 20 von ihren Gemeinden demokratisch gewählten Mitgliedern, die auch mit dem Mandat versehen sind, konkrete Umweltschutzaktivitäten zu planen und mit der Gemeinde umzusetzen. Um zum Beispiel Wasserquellen zu rehabilitieren, wurden mit Unterstützung von TSURO die wichtigsten Einzugsbiete für zum großen Teil ausgetrocknete Wasserquellen von den Anwohnergemeinden kartiert und mögliche Ursachen für die Austrocknung und Maßnahmen zur Wiederherstellung identifiziert. Darauf aufbauend wurden Aktionspläne erstellt und mit der Umsetzung begonnen. In mehreren Gebieten wurde z.B. mit der Wiederherstellung von Erosionsrinnen und Aufforstungen begonnen. Sehr schnelle Erfolge zeigte auch das Fällen von exotischen Bäumen, wie Eukalyptus. Die von der Forstwirtschaft eingeführten Bäume mit ihren tiefen Wurzeln und hohem Wasserbedarf stören die Wasserverfügbarkeit für flacher wurzelnde heimische Bäume und haben einen negativen Einfluss auf den Grundwasserspiegel.

 

Rinder als Landschaftspfleger

Eine bedeutende Rolle kommt dem Kampf gegen Überweidung zu, da nach der Forstwirtschaft, Weideland den größten Flächenanteil im Distrikt einnimmt. Dafür wurde in mehreren Pilotregionen ein ganzheitliches und gemeinschaftliches System des Weidemanagements auf einer Fläche von über 800 Hektar eingeführt. Viehbesitzer*innen legten demnach ihre Rinder zu einer kollektiven Herde zusammen, ein drastischer Bruch mit traditionellen Gewohnheiten. Nach einem festen Rotationsprinzip werden die Tiere von einem Weidegebiet zum nächsten geführt. Dafür wird zunächst die Tragfähigkeit der Gebiete in Abhängigkeit von Saison und Futterangebot bestimmt. Ist das Gras in einem Abschnitt abgeweidet, bekommt es so viel Zeit wie nötig, um nachzuwachsen und Samen auszubilden. Erst dann dürfen die Tiere wieder zurückkehren.

Bereits wenige Jahre nach der Einführung schützt eine dichtere Pflanzendecke in den Pilotregionen wieder den Boden vor Austrocknung. Regenwasser kann wieder versickern und die Tiere finden ausreichend und höherwertiges Futter. Einige große Erosionsrinnen wurden rehabilitiert und zwei kleine Flüsse, die noch 2012 trocken waren, führten trotz vorangegangener dreijähriger Dürre im ganzen Jahr 2016 durchgehend Wasser. Die Rinder sind vom Problem für das Land und seinen Wasserhaushalt zu Landschaftspflegern geworden.

Das Prinzip stellt eine Rückbesinnung auf ein Jahrmillionen altes ökologisches Gleichgewicht von Grasland und wandernden Herden von Grasfressern dar. In vielen Regionen der Welt, einige davon sind heute Hauptanbaugebiete für Getreide, trug es zum Aufbau von zum Teil mächtigen Humusschichten bei. Die sind für den Wasser- und Nährstoffhaushalt des Bodens sehr wichtig. Darüber hinaus speichern sie größere Mengen atmosphärischen Kohlenstoffs als alle Wälder der Erde zusammen. Dies gilt auch für nahezu alle Trockengebiete Afrikas. Sie machen über vierzig Prozent der gesamten Landfläche des Kontinents aus und sind massiv von Degradation und Desertifikation betroffen. Somit lohnt es sich genau hinzuschauen, was TSURO hier gelungen ist.

 

Das Wie ist entscheidend

Wie TSURO das macht, ist mindestens so entscheidend. Der ganzheitliche Ansatz beginnt mit der Selbstermächtigung und Ownership der Nutzer*innen der natürlichen Ressourcen. Dies wird sichergestellt durch die Förderung von lokalen kleinbäuerlichen Lern- und Experimentiergruppen sowie Planung und Monitoring der einzelnen Entwicklungs- und Ressourcenschutzprojekte durch die Begünstigten selbst. Ein weiterer Schlüssel ist die Kooperation mit Lokalregierungen, traditionellen Führern und anderen Stakeholdern unabhängig von Parteizugehörigkeiten. Ihre Arbeitsweise definiert TSURO in ihrer Verfassung konkret als „[…] nicht Abgrenzung und Verteidigung von eng gefassten Interessen. Im Gegenteil zielt TSURO vielmehr darauf, inklusiv zu sein, sich zu öffnen und die Hände zu reichen.“ Jahre der gemeinsamen Arbeit zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen haben bei den beteiligten Menschen eine Haltung des Ausgleichs, kreatives Denken und Fähigkeiten in effektiver Kommunikation geschult. Damit sind sie auch sehr gut ausgestattet, um konstruktiv mit lokalen Konflikten umzugehen.

 

Partizipation als Schlüssel zur Klimawandelanpassung

Auf dieser Basis gelang es TSURO in den Hauptwassereinzugsgebieten des Distriktes, Dialogrunden von kleinbäuerlichen Gemeinden, traditionellen Führern, Regierungsstellen, Zivilgesellschaft und privater Forstwirtschaft anzustoßen. Sie dienten der Bewusstseinsbildung über Klimawandel und dem Management von Wassereinzugsgebieten sowie der Planung konkreter Umweltschutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen. Die Basis bildete eine 2015 durchgeführte wissenschaftliche begleitete Studie zu Climate Change and Watershed Management in Chimanimani Distrikt.

Als Ergebnis dieser Dialogrunden wurde 2017 in Chimanimani die erste simbabwische District Policy im Bereich Klimawandel und Management von Wassereinzugsgebieten verabschiedet. Darin wurden von der Distriktregierung verbindliche Richtlinien festgelegt, die die Landnutzung in Wassereinzugsgebieten regeln und angemessene Antworten auf Klimawandel und Ressourcenraubbau geben sollen. Die District Policy wurde im gleichen Jahr in eine konkrete politische Strategie zur Umsetzung übertragen. So haben einige Gemeinden Gesetze gegen das traditionelle Legen von Feuer zur Gewinnung von Weide- und Ackerflächen erlassen oder zur nachhaltigen Beweidung von Gemeindegebiet verpflichtet. Diese sogenannten bye-laws überführen im dualen Rechtssystem umweltgerechtes Verhalten zunächst in traditionelles Recht. Zum Teil wurden sie auch schon von Regierungsstellen in die Gesetzgebung integriert und sehen Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen vor.

Chimanimani ist für die kommenden Jahre einer von drei Pilotdistrikten in Simbabwe für die Umsetzung einer nationalen Strategie zur Klimawandelanpassung. Bei erfolgreicher Umsetzung in Chimanimani sind folglich wegweisende Impulse für partizipative Governance-Ansätze in dem Bereich auf nationaler Ebene möglich.

Helge Swars
Helge Swars

Helge Swars

Helge Swars arbeitet in der Spenderkommunikation und Programmkoordination beim Weltfriedensdienst.