5 — #FreePeriods

Wie die Regel zum Armutsfaktor wird und was dagegen zu tun ist
© Alice Skinner/#freeperiods.
© Alice Skinner/#freeperiods.

Amika George im Interview mit Marie-Luise Abshagen

Sie betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung und trotzdem wird sie kaum öffentlich thematisiert: Die Regelblutung. Neben den mit ihr verbundenen Schmerzen, der Scham und kulturellen Tabuisierung kommt für viele Mädchen und Frauen ein weiterer Faktor hinzu: Hygieneprodukte kosten, und zwar so viel, dass sie weltweit für viele unbezahlbar sind. Die Folge ist eine weibliche Form der Armut, die Teilhabe am öffentlichen Leben massiv einschränkt, gesundheitliche Belastungen mit sich bringt und einen enormen Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung von Frauen und Gesellschaften darstellt. Eine Umsetzung von SDG 5 zur Geschlechtergerechtigkeit ist so kaum möglich. Doch es rührt sich Widerstand. In Großbritannien will die Kampagne #FreePeriods das Thema Menstruationsarmut in die Öffentlichkeit bringen und organisiert Protest. 1

 

Worum geht es bei Menstruationsarmut (period poverty) und Ihrer Kampagne? Wer ist besonders von dieser Form von Armut betroffen?

Ich habe die #FreePeriods-Kampagne gestartet, nachdem ich mitbekommen habe, dass es Kinder in Großbritannien gibt, die jeden Monat nicht zu Schule gehen können, weil sie nicht das Geld haben, sich Binden oder Tampons zu kaufen. Es hat mich schockiert, dass das inmitten unserer Gesellschaft passiert und dass die Regierung nichts unternimmt, um diese Kinder wieder in die Schule zu bekommen. Bis dato kannte ich den Begriff Menstruationsarmut gar nicht. Aber die Tatsache, dass Mädchen ihre Bildung auf Spiel setzen, weil sie ihre Regel haben, hat mich erschüttert. Denn klar ist, dass das Fernbleiben von der Schule auch bedeutet, dass diese Mädchen langfristig Lücken in ihrer Bildung haben werden. Das kann sich zum Beispiel negativ auf ihre Prüfungsergebnisse oder schulische Entwicklung auswirken.

Das fand ich so ungerecht, dass ich beschloss, eine Petition aufzusetzen, um die Regierung dazu zu bringen, kostenlose Menstruationsprodukte für alle Kinder im Rahmen der Schulspeisung bereitzustellen. Ich wollte mit Gesprächen und mehr Öffentlichkeit das Stigma um Menstruationen brechen. #FreePeriods gibt es seit April 2017. Seitdem habe ich mich mit mehreren Abgeordneten und anderen Akteur*innen getroffen, um darüber zu sprechen, wieso Menstruationsarmut angegangen werden muss. Denn wir werden niemals Geschlechtergerechtigkeit erreichen, wenn etwas so Normales und Natürliches wie die Regel ein Hindernis genau dafür ist.

Was berührt Sie persönlich bei diesem Thema?

Als Frauen sind wir tagtäglich mit vielen Herausforderungen konfrontiert. In Großbritannien existiert eine tiefverwurzelte Armut, die Familien auf viele Arten lähmt. Familien mit besonders schwierigem sozioökonomischem Hintergrund sind zunehmend auf Lebensmitteltafeln angewiesen. Der Trussel Trust [das größte Netzwerk von Tafeln in Großbritannien; Anm. d. Red.] hat aufgezeigt, dass der Bedarf nach Lebensmittelspenden auf alarmierende Weise zunimmt. Wenn es noch nicht mal Geld für Essen gibt, gibt es nie Geld für Binden oder Tampons. Denn das ist dann die letzte Priorität, was bedeutet, dass Kinder ohne auskommen müssen. Mich hat es erschüttert, dass diese Mädchen, die Menstruationsarmut erleiden, jeden Monat diesem Stress und den Sorgen ausgeliefert sind, dass sie nicht wissen, ob sie in ihre Schuluniformen bluten und deswegen von ihren Mitschülern ausgelacht werden. Einige benutzen deswegen Socken oder Stoffe. Wir müssen einander unterstützen. Wenn das bedeutet, dass wir dafür kämpfen müssen, sollten wird das auch tun. Mich hat es regelrecht zum Handeln getrieben und ich habe es nicht bereut.

Welche Maßnahmen braucht es, um Menstruationsarmut zu überwinden?

Eine Forderung ist, dass die Regierung kostenlosen Zugang zu Binden und Tampons für Mädchen aus Familien mit geringem Einkommen bereitstellen soll. Schnell konnte ich mit meiner #FreePeriods-Kamagne viele Unterschriften sammeln. Während meines Schulabschlusses habe ich begonnen, über Menstruationsarmut zu schreiben und jeder und jedem, der es hören wollte, davon zu erzählen, wie Mädchen allein durch die Tatsache benachteiligt werden, dass sie ihre Regelblutung haben und arm sind. Dafür habe ich auch damit begonnen, ohne Scham, Peinlichkeit und mit Stolz über meine eigene Regel zu sprechen. In diesem Zeitalter, in dem Alltagssexismus so tief in unserem Leben verankert ist, darf die Regel nicht der Grund sein, warum Mädchen von einer echten und sichtbaren Geschlechtergerechtigkeit abgehalten werden. 137.500 britische Mädchen verpassen Unterricht, weil sie sich keine Binden oder Tampons leisten können. Im Kern ist es also ein feministischer Kampf. Wir suchen uns schließlich nicht aus zu bluten und wir können auch nicht einfach aufhören zu menstruieren.

Menstruation ist ein Tabu-Thema für viele Menschen. Das Thema wird zudem noch immer als spezifisches Frauenthema angesehen. Männern ist es oft sehr peinlich, darüber zu reden. Aber wir wissen doch auch aus anderen Themen zu Geschlechtergerechtigkeit und Sozialpolitik, dass es wichtig ist, dass alle Geschlechter involviert sind. Wie gehen Sie damit um?

Das Tabu existiert noch immer. Viele werden rot, wenn ich das Wort „Periode“ erwähnen und wechseln schnell das Thema. Aber es wird auf jeden Fall besser. Ich bemerke eine größere Offenheit, über Menstruation und andere Themen zu sprechen, die vor zehn Jahren tabuisiert waren. Einige Männer sagen mir zwar immer noch, dass sie nicht über Menstruation sprechen wollen, weil es nichts mit ihnen zu tun habe. Aber es gibt auch viele Männer, die am #FreePeriods-Protest teilgenommen, die Petition unterschrieben und mir geschrieben haben, wie froh sie sind, dass über period poverty gesprochen wird.

Es gibt Bereiche der Gesellschaft, in denen junge Mädchen unter dieser Form von Armut leiden und niemandem davon erzählen können. Dabei ist Menstruationsarmut eigentlich irrwitzig, genauso wie die Scham über etwas so Natürliches zu sprechen. Das Tabu von Menstruationsarmt hat seine Ursachen genau in dieser Scham. Es ist Teil eines Narratives, das Menstruation seit Jahrhunderten begleitet, das unsere Periode irgendwie unsauber oder schmutzig macht. In Italien gibt es noch Gegenden, in denen Frauen keine Nudelsoße kochen dürfen, wenn sie ihre Regel haben. In Nepal wird die Chhaupadi genannte Tradition noch immer praktiziert, nach der Frauen in der Zeit ihrer Regel draußen schlafen müssen. Und sogar im heutigen Großbritannien stellen die Hersteller von Hygienieprodukten Perioden als etwas Geheimnisumwittertes dar.

Ich glaube, das ändert sich gerade, aber es gibt noch viel zu tun. Wir müssen offen über unsere Menstruation sprechen, ohne Scham und Verlegenheit. Frauen und Mädchen müssen diese Unterhaltung initiieren, und mit Jungen und Männern darüber sprechen, damit es etwas ganz Alltägliches wird. Das wird die Sache normaler machen. Wir sind noch immer darauf konditioniert, zu denken, dass wir das Thema geheim halten müssen. Insofern zählen auch kleine Schritte vorwärts viel.

Bildung ist hier der Schlüssel – und zwar für Jungen und Mädchen. Früher mussten Jungen den Raum verlassen, wenn es im Unterricht um die Periode ging. Dabei ist es zentral, dass sie eingebunden werden. Jungen sollten verstehen, dass die Regel ein Thema ist, vor dem sich nicht zurückschrecken sollten und dass es darum nie ein Tabu geben sollte. Das kann in der Schule thematisiert werden, ebenso wie in Publikationen, durch die Hersteller von Binden und Tampons, durch die Eltern, die Medien – so wird das Thema langsam aber sicher durchsickern.

Wie wurde Ihre Kampagne von Politiker*innen und der Regierung aufgefasst? Gibt es Ihrer Meinung nach fehlende Regulierung und politische Aufmerksamkeit für dieses Thema? Wie haben Politiker*innen auf den Protest und die Forderungen reagiert?

Es entsteht tatsächlich gerade so etwas wie eine Perioden-Revolution. Viele Menschen reden viel offener über die Regel und Menstruationsarmut. Und das erkennt die Regierung auch an. Im Zuge der Wahl in Großbritannien 2017 habe ich an alle politischen Parteien geschrieben, um sie davon zu überzeugen, ein Versprechen für das Ende von Menstruationsarmut in ihren Wahlprogrammen aufzunehmen. Es hat mich gefreut und ermutigt, dass alle Parteien – außer der Konservativen Partei – eine solche gesetzliche Verpflichtung in ihre Wahlprogramme aufgenommen haben.

Seit ich #FreePeriods gestartet habe, habe ich mit einigen Mitgliedern des britischen Oberhauses und einigen wunderbaren Parlamentarier*innen zusammengearbeitet. Die Regierung hat bis zu einem gewissen Grad auch etwas getan. Im März diesen Jahres haben sie versprochen, dass sie einen Teil der Steuern auf Tampons für Organisationen bereitstellen, die Menstruationsarmut beenden wollen. Das ist super und gibt Hoffnung. Aber wir brauchen langfristige gesetzliche Regeln von der Regierung.

Was mich wirklich sehr enttäuscht, ist die Tatsache, dass die Regierung nicht anerkennen will, dass Menstruationsarmut einer der Gründe für das Fehlen in der Schule ist. Das belegen sie mit Daten zur Abwesenheit vom Unterricht. Ich argumentiere dagegen, dass sich Perioden als Grund für Abwesenheiten wegen des großen Tabus nicht in den Daten widerspiegeln.

Können Sie bereits Veränderungen in Gesellschaft und Politik erkennen?

Seit dem Beginn unseres Protests und seit der Beteiligung durch weitere Campaigner*innen im letzten Jahr kann man sehen, dass das Thema im Parlament auch dank einiger Politiker*innen wirklich Wellen schlägt und dort offen über Menstruationsarmut gesprochen wird. Letzte Woche erst hat ein Parlamentsmitglied in einer Sitzung des Parlaments ganz direkt über die Kosten von Binden gesprochen. Menstruationsarmut ist als Begriff mittlerweile viel bekannter und wird viel mehr genutzt. Das war vor einem Jahr noch nicht so. Ich werde jeden Tag von Menschen kontaktiert, die wissen wollen, wie sie helfen können. #FreePeriods ist nun auch in anderen Ländern auf der ganzen Welt gestartet worden. Es gibt also die Anerkennung, dass Menstruation ins Licht gerückt werden muss, und dass wir keine Scham haben sollten, darüber zu reden.

Global gesehen ist der fehlende Zugang zu Hygieneprodukten ein riesiges Entwicklungshindernis und ein Gesundheitsfaktor. In vielen Ländern des Globalen Südens verpassen Mädchen bis zu 20 Prozent des Unterrichts, weil sie sich keine Hygieneprodukte leisten können. Das bedeutet auch, dass sie oft andere Materialien während ihrer Regeln nutzen müssen, wie Bananenschalen, alte Kleidung, Sand oder Plastiktüten. Was alles natürlich eine große Gesundheitsgefährdung mit sich bringt. Befasst sich Ihre Bewegung auch mit diesen Dynamiken? Sollte es eine globale Bewegung gegen Menstruationsarmut geben? Und geht das – in Anbetracht von kulturellen und religiösen Zusammenhängen, in denen Mädchen und Frauen weltweit leben?

Ich denke, dass wir eine globale Bewegung gegen Menstruationsarmut brauchen, die auch das kulturelle Tabu anpackt, das in vielen Teilen der Welt existiert. Weltweit ist die Schulabbruchrate dann besonders hoch, wenn Mädchen das erste Mal ihre Regel bekommen. Fehlender Zugang zu Hygieneprodukten bedeutet, dass Mädchen denken, dass es einfach nicht mehr machbar sei, weiter zur Schule zu gehen. Sie bleiben also im Kreislauf der Entbehrung gefangen, weil sie Chancen zur Verbesserung ihres Lebens einfach nicht nutzen können. Hinzu kommt, dass Schulen oft keine sauberen Sanitäranlagen bereitstellen und den Bedürfnissen der Mädchen nicht angemessen entgegengekommen wird. Die #FreePeriods-Bewegung will diese Themen langfristig ansprechen. Aber viele der nachhaltigen Maßnahmen in diesen Ländern scheitert bisher an finanziellen Ressourcen, da es dort oft wirtschaftliche Not gibt.

Es ermutigt sehr, dass in einigen Ländern, z.B. Kenia oder Kerala, einem indischen Bundesstaat, aktiv daran gearbeitet wird, Mädchen in der Schule zu halten. Dafür setzen sich unterschiedliche Programme ein (z.B. das She-Pad in Kerala) und investieren nicht unerhebliche Summen in nachhaltige und tragfähige Lösungen. Die kenianische Regierung hat umgesetzt, dass jedes Mädchen in der Schule mit Hygieneprodukten versorgt wird. Das hat man begonnen, nachdem verstanden wurde, dass Mädchen die Schule abgebrochen oder schreckliche Ersatzprodukte während ihrer Regel genutzt haben.

Das Aufbrechen von kulturellen Tabus, die oft tief in Bräuchen und Aberglauben verwurzelt sind, ist eine Herausforderung. Wie hören immer wieder, wie junge Frauen z.B. in Nepal dazu gezwungen werden, in Menstruationshütten zu schlafen. Einige sind dabei gestorben, weil sie von Schlagen gebissen wurden. Andere wurden überfallen oder Schlimmeres. Der Glaube, dass Frauen unsauber sind, wenn sie ihre Regel haben, ist ein Beispiel dafür, dass wir als Gesellschaft Menstruation völlig anders thematisieren müssen. Es muss sozusagen eine Wiedergeburt der Regel geben.

Weitere Informationen unter
www.freeperiods.org

Amika George
Amika George

Amika George

Amika George ist die Initiatorin von #FreePeriods.

Marie-Luise Abshagen

Marie-Luise Abshagen ist Referentin für Nachhaltige Entwicklung beim Forum Umwelt und Entwicklung.