10 — Mehr Chancengleichheit durch gezielte und nachhaltige Stadtteilarbeit

Mitten in Duisburg-Marxloh befindet sich die „Tauschbar“ mit Lernangeboten, Ferienprojekten und Raum für Treffen.
Mitten in Duisburg-Marxloh befindet sich die „Tauschbar“ mit Lernangeboten, Ferienprojekten und Raum für Treffen.
© Tausche Bildung für Wohnen e.V.

Von Heidrun Oberländer-Yilmaz und Lena Wiewell

Das junge Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“ (TBfW) setzt sich mit Chancengleichheit in benachteiligten Quartieren auseinander. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Förderung und Unterstützung von Kindern in ihrer persönlichen, sozialen und schulischen Entwicklung. Sozial engagierte Menschen im Bundesfreiwilligendienst, Studierende und Ehrenamtliche jeden Alters werden als Bildungspaten ausgebildet. Sie begleiten Kinder, geben ihnen Lernförderung, entwickeln Ferienprojekte, sind Vorbild und Freund*in. Im Gegenzug dafür können die Paten während ihrer Beschäftigungszeit in projekteigenen, dem Leerstandsmarkt entzogenen Wohnungen mietfrei wohnen. Dadurch wird dem Immobilienleerstand entgegengewirkt und die soziale Durchmischung im Stadtteil gefördert. Ziel ist es, ein friedliches, wertschätzendes und kooperatives Miteinander und Füreinander zu bewirken und so ein positives Bild des Stadtteils zu schaffen. TBfW will mit seiner Haltung und Wirkung eine Bewegung in Gang bringen, um Menschen zur Selbstbestimmung zu befähigen, soziale, wirtschaftliche und politische Inklusion zu ermöglichen und Chancenungleichheiten zu minimieren.

 

Herausforderungen

Jede Stadt bildet neben verschiedenen Räumen auch einen Sozialraum. Soziale Ungleichheit führt zu sozialer Segregation. Soziale Segregation führt zu ungleichen Lebenschancen (Zugänge zu Bildung, Gesundheit, Arbeit, Kultur, Sport…). 1

Duisburg-Marxloh ist ein Stadtteil mit erhöhtem Erneuerungsbedarf. Zum 31. Dezember 2016 waren 20.422 Einwohner*innen in Marxloh gemeldet. Das Wohnumfeld ist geprägt von schlechter, überalterter Bausubstanz mit teilweise „Schrottimmobilien“. Es gibt eine hohe Wohnungsleerstandsquote. Das soziale Umfeld ist gekennzeichnet von großer und verstetigter Armut. Es fehlen Zugänge zu Bildungs- und Gesundheitsangeboten. 41 Prozent der hier wohnenden Menschen beziehen Transferleistungen nach Sozialgesetzbuch II, III und XII und/oder Wohngeld. Die Wohn- und Lebensumstände und nicht zuletzt das durch die Medien hervorgerufene Stigma als „No-go-Area“ hat zu einer vermehrten Abwanderung von stabilen und stabilisierenden Bewohner*innengruppen geführt.

Demgegenüber stehen Chancen und Ressourcen, die es zu nutzen gilt. Menschen aus rund 90 unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen machen Marxloh bunt und vielfältig. Marxloh ist mit einem Altersdurchschnitt von 36,4 Jahren ein junger Stadtteil, 25 Prozent sind unter 19 Jahre alt. Die hohe Zahl an Kindern und Jugendlichen bietet großes Potential, sie für die positive Entwicklung des Stadtteils zu gewinnen. Es gibt in Marxloh neben Stiftungen und den Trägern der Freien Wohlfahrt mehr als 25 Unternehmen und Initiativen in kreativen, kulturellen, sozialen und Bildungs-Bereichen, die miteinander vernetzt sind und kooperativ arbeiten.

 

Konzept, Ressourcen und Leistungen von TBfW

Inmitten von Marxloh befindet sich der Standort von Tausche Bildung für Wohnen e.V. (TBfW) – die „Tauschbar“. Hier finden Lernangebote, Ferienprojekte und Meetings mit Partner*innen, Freundinn*en und Förder*innen statt.

An einem Standort arbeiten in der Regel vier bis sechs Bildungspaten, die sich zu einem einjährigen Einsatz im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) verpflichtet haben und gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen für TBfW tätig sind. Die größte Motivation der Paten ist es, sich für benachteiligte Kinder einzusetzen und gleichzeitig eine starke Basis für die eigene Lebenskarriere zu entwickeln. Die Bildungspaten kommen aus ganz Deutschland, sind mit und ohne Migrationshintergrund, haben verschiedene Bildungsabschlüsse. Neben dem mietfreien Wohnraum und pädagogischen Qualifizierungen erhalten sie bedarfsorientierte Begleitung durch Trainings, Coachings und Supervision.

Die Angebote von TBfW richten sich an Schüler*innen von der ersten bis zur siebten Klasse, die auf Grund ihrer familiären Bildungsbiographie und der finanziell prekären Situation der Familie benachteiligt sind und an Kinder, die aus dem Ausland zugezogen sind. Die Paten sind über Schulkooperationen in den Schulalltag der Kinder eingebunden und stehen den Kindern während des Unterrichts in enger Absprache mit den Lehrkräften unterstützend zur Seite. In den Schulferien wird den Kindern ein offenes Ferienprogramm angeboten. Die Bildungspaten entwickeln hierfür Projekte zu Themen aus der Alltagsrealität der Kinder, die ihnen auch einen Blick auf die Welt außerhalb ihres Stadtteils bieten.

TBfW ist ein Stadtteilprojekt, das in allen relevanten Stadtteilgremien und Arbeitskreisen aktiv vertreten ist. Es gibt Kooperationen mit Grund- und weiterführenden Schulen im Stadtteil, Kirchen- und Moscheegemeinden, etablierten und neu gestarteten sozialen und kulturellen Initiativen. TBfW beteiligt sich an dem Projekt „Campus Marxloh“, das die Erweiterung des benachbarten Schulstandortes Herbert-Grillo-Gesamtschule zu einem Ort für schulische und außerschulische Bildung zum Ziel hat. „Campus Marxloh“ soll als Ankerpunkt die Funktion eines Bildungs-Hot-Spots übernehmen und dabei mit allen anderen Einrichtungen in Marxloh vernetzt sein. 2

2011 ist die Idee für Tausche Bildung für Wohnen entstanden, 2012 erhielt das Projekt den Förderpreis für Sozialunternehmertum „Act for Impact“, was den Startschuss und die Grundlage für die Gründung des Vereins darstellte. 2014 haben die ersten Bildungspaten mit ihrer Arbeit begonnen. Das ursprüngliche Geschäftsmodell von TBfW sah vor, dass 80 Prozent der Einnahmen aus den Fördermitteln des Bildungs- und Teilhabepakets des Bundes (BuT) 3 erwirtschaftet würden. 20 Prozent sollten durch weitere Eigenleistungen, Stiftungsmittel und Fördergelder finanziert werden. Das erwies sich in der Praxis als nicht realisierbar. Die Hürden zur Beantragung auf der einen (Träger), die zur Bewilligung auf der anderen Seite (Kommune) sind so hoch, dass Aufwand und Nutzen nicht in einem rentablen Verhältnis stehen. 4

Aktuell setzen sich etwa 85 Prozent der Einnahmen aus Stiftungs- und Spendengeldern zusammen, 15 Prozent aus der BuT-Förderung. Es werden neben den Stiftungen in der Stadt ansässige Unternehmen angefragt, sich an Stadtteilprojekten wie TBfW zu beteiligen und in die Menschen, die hier leben zu investieren.

Bis zu 85 benachteiligte Kinder zwischen 6 und 14 Jahren werden in einem Stadtteil erreicht. Von den Bildungspaten werden über ein Jahr bis zu 8.000 Stunden Betreuung angeboten. Alle Paten haben ihren Bundesfreiwilligendienst vollständig abgeschlossen und im Anschluss entweder eine Ausbildung oder ein Studium begonnen. Zwei Paten sind im Unternehmen geblieben und zwei weitere werden ab September 2018 als Auszubildende und im Rahmen eines dualen Studiums ihre berufliche Laufbahn bei TBfW fortsetzen.

Die Bildungspaten vermitteln positive Rollenbilder. Sie zeigen den Kindern und Jugendlichen Perspektiven auf, die ihnen aufgrund der fehlenden Austauschprozesse im segregierten Wohnumfeld vorenthalten bleiben. Negative Sozialisationseffekte können unterbrochen und Alternativen aufgezeigt werden.

 

Skalierung – Herausforderungen und Rahmenbedingungen

Die „Pilotphase“ von TBfW wurde erfolgreich umgesetzt. Von der Projektidee bis heute sind Prozesse optimiert, der Betreuungsalltag weiterentwickelt und die Partnerschaften in Duisburg gefestigt worden. Das modifizierte Geschäftsmodell hat sich als tragfähig erwiesen. Aufgrund der Bedarfslage in den Großstädten ist eine Skalierung des Geschäftsmodells sinnvoll und geeignet. Innerhalb der Bundesrepublik lässt es sich in andere Städte implementieren. Für Gelsenkirchen-Ückendorf ist eine Skalierung gerade in der Umsetzungsphase.

Für eine deutschlandweite Skalierung ist es notwendig, dass Bund, Länder und Kommunen die Rahmenbedingungen für eine solche Entwicklung schaffen. Konkret heißt das, zivilgesellschaftliches Engagement von Stadtteilakteuren sowohl materiell als auch ideell zu fördern. Städte müssen in der Lage sein, eigene Unterstützungsnetzwerke aufzubauen und zu pflegen. 5 Initiativen, Akteure und Sozialunternehmen sollten schon bei der Planung von Projekten und Förderphasen mit einbezogen werden. Sie sind es, die kommunale Mikrodaten erheben und auswerten können, die genau wissen, welche Leistungen und Ressourcen benötigt werden, welche Personengruppen benachteiligt und welche Maßnahmen und Projekte erforderlich sind. 6 Das bedeutet, dass Social Entrepreneurs in dem Feld der Stadterneuerung als Motor positiver Entwicklungen begriffen werden und gleichberechtigt neben den städtebaulichen Maßnahmen in der Entwicklungsplanung von Stadtteilen stehen. Vertreter*innen kleiner Unternehmen müssen in Verwaltungsgremien vertreten sein und wie die Wohlfahrtsverbände ein Mitspracherecht haben.

Öffentlichkeitsarbeit und positive Werbung für den Stadtteil sollte durch die Stadtverwaltung erfolgen. Auf allen relevanten Kanälen der Kommune (Homepage, Bezirksämter, Sonderveranstaltungen) sollte darüber informiert werden, welche Möglichkeiten des Engagements es gibt, wie und wo man sich engagieren kann und welche Wirkung erzielt wird. Bund, Länder und Kommunen sollten die 23 Empfehlungen aus der Evaluation der bundesweiten Inanspruchnahme und Umsetzung der Leistungen für Bildung und Teilhabe umsetzen, 7 wie bspw. die Lernförderung breiter zu fassen. Das heißt u.a., dass ein Kind nicht erst dann Lernförderung erhält, wenn die Versetzung in die nächste Klasse gefährdet ist.

Finanzielle Unterstützung für die Sozialunternehmen könnte im Rahmen der Mikroanalysen erfolgen. Die Kommunen bezahlen die durch die Sozialunternehmen erbrachten Dienstleistungen. Staatlich geförderte Auslobungen werden nicht nur für Startups, sondern auch für erfolgreich umgesetzte Ideen und Projekte in einem festgelegten Turnus und in Abhängigkeit von der erzielten Wirkung vorgenommen. Hierfür gibt es einen festen jährlichen Etat. Die Indikatoren zur Wirkungsmessung müssen unter Einbeziehung der Sozialunternehmen festgelegt werden.

Es muss öffentlich zugängliche Informationen über Förderfonds, Vergaberichtlinien und Vergabebegründungen geben (Transparenz). Antragsverfahren müssen so angelegt sein, dass auch kleinere Institutionen in der Lage sind, sowohl die Anträge form- und fristgerecht zu erstellen als auch die Verwendungsnachweise entsprechend erbringen zu können. Denkbar sind auch kostenlose Beratungsangebote und Antragsservices für kleine Sozialunternehmen. Sowohl kurzfristige Abrufmöglichkeiten von Fördergeldern als auch weniger starre Fördervorgaben würden den Akteuren erlauben, spontan und bedarfsgenau auf Veränderungen reagieren zu können. Bevor eine Förderphase geplant wird, sollte die Expertise der potentiellen Förderempfänger eingeholt werden. 8

Inwieweit die Skalierbarkeit von TBfW in Städte außerhalb Deutschlands erfolgen kann, hängt zum großen Teil von den Möglichkeiten der Einnahmengewinnung ab, die innerhalb der einzelnen Staaten variieren. Für Europa wäre ein Europäisches Förderprogramm, das Social Entrepreneurs systematisch fördert, wünschenswert. 9

Weitere Informationen und Kontakt unter
www.tbfw-marxloh.org

  • 1. Häussermann/Siebel (2004), S. 139f.
  • 2. Entwicklungsgesellschaft Duisburg (2017), S. 24.
  • 3. Siehe hierzu: www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsmarkt/Grundsicherung/Leistungen-zur-Sicherung-des-Lebensunterhalts/Bil…
  • 4. Bartelheimer et al. (2016), S. 228-243.
  • 5. Vgl. Kersting (2017), S. 44-47.
  • 6. ZEFIR/Bertelsmann Stiftung (2017), S. 2ff.
  • 7. Vgl. im Folgenden Bartelheimer (2016), S. 228-143.
  • 8. Wie bspw. das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das bei der Konzeption geplanter Förderrichtlinien auf TBfW zugekommen ist und zur Mitgestaltung dieser eingeladen hat.
  • 9. Braem (2017), S. 14-17.
Heidrun Oberländer-Yilmaz
Heidrun Oberländer-Yilmaz

Heidrun Oberländer-Yilmaz

Heidrun Oberländer-Yilmaz arbeitet im Fundraising und Projektmanagement bei Tausche Bildung für Wohnen e.V.

Lena Wiewell
Lena Wiewell

Lena Wiewell

Lena Wiewell ist Vorstandsvorsitzende bei Tausche Bildung für Wohnen e.V.

Literature

Bartelheimer, Peter et al. (2016): Evaluation der bundesweiten Inanspruchnahme und Umsetzung der Leistungen für Bildung und Teilhabe. Schlussbericht. Göttingen/Nürnberg.
www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Meldungen/2016/evaluation-des-bildungspaketes-langbericht.pdf

Braem, Henning (2017): Europäische Union: Auf dem Weg zum „Europäischen Sozialunternehmen“ In: Sozialwirtschaft 4/2017, S. 14-17.

Entwicklungsgesellschaft Duisburg (2017): Integriertes Handlungskonzept Duisburg-Marxloh. Managementfassung. Duisburg.
www2.duisburg.de/micro/eg-du/medienneu/3001_IHK_DU-Marxloh_Managementfassung_2017.pdf

Häussermann, Hartmut/Siebel, Walter (2004): Stadtsoziologie. Eine Einführung. Frankfurt a.M.

Kersting, Volker (2017): Soziale Stadt: Über Armut und die begrenzte Reichweite von Quartierspolitik. In: urbanLabMAGAZIN. Ausgabe 02/Juli 2017, S. 44-47.

ZEFIR/Bertelsmann Stiftung (2017): Kommunale Mikrodatenanalyse. Praktischer Nutzen und Anwendungsbeispiele. LebensWerte Kommune | Ausgabe 3 | 2017. Gütersloh.
www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/89_Kommunen_der_Zukunft/AK_Mikrodatenanalyse_2017_final.pdf